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Leseprobe

TOMA

Monolog · Wegklang III · Puls  ·  Bastian Brexner
Erster Atemblock

Ich heiße Toma. Den Namen habe ich nicht von Anfang an gehabt. Ich hatte einen Namen, als ich klein war. Ich habe ihn vergessen, oder ich habe ihn weggegeben. Es macht keinen Unterschied. Toma kam später.

Ich erzähle das nicht, weil ich erklären will. Ich erzähle es, weil es da ist, und weil ich es mit mir trage, ob ich es erzähle oder nicht. Wenn ich es nicht erzähle, trage ich es trotzdem. Wenn ich es erzähle, trage ich es vielleicht etwas anders.

Manche Sachen werde ich nicht sagen. Nicht, weil ich sie schützen will, sondern weil ich sie selbst nicht mehr klar sehe. Ein langer Weg lässt manche Dinge in einem Licht stehen, das man nicht beschreiben kann, weil es zu viele Schatten hat. Ich werde nicht versuchen, sie hell zu machen.

Es gab ein Dorf. Ich glaube, dass es im Süden lag. Ich war oft im Süden, später, und manche Dörfer sahen aus wie das, in dem ich aufgewachsen bin. Ich war mir nie ganz sicher, ob ich das richtige wiedergesehen habe. Vielleicht ist das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, nicht mehr da. Vielleicht ist es noch da, und ich habe es zweimal gesehen, ohne es zu erkennen.

Es lag in einem Tal. Im Sommer war das Tal trocken. Im Winter war es kalt, aber nicht so kalt wie die Höhen weiter im Norden. Es schneite manchmal. Der Schnee blieb nicht lange.

Die Straße führte zum Hafen. Der Hafen war drei Tage zu Fuß. Ich bin nie hingegangen, als ich klein war. Ich habe ihn das erste Mal gesehen, als ich nicht mehr klein war.

Im Dorf gab es ein paar Häuser, ein paar Felder, einen Brunnen, eine Kirche, die am Sonntag aufmachte und sonst nicht. Es gab einen Mann mit einem Esel, der das Wasser brachte. Es gab einen anderen Mann, der mit einem Wagen Holz brachte. Beide Männer sind gestorben, bevor ich aufgehört habe, klein zu sein. An ihre Gesichter erinnere ich mich nicht. An den Esel erinnere ich mich. Er war grau und hatte eine helle Stelle an der Nase.

Meine Mutter hatte ein Haus an der Straße. Es war nicht ihr Haus. Wem es gehörte, weiß ich nicht. Sie hat dort gewohnt, solange ich denken kann. Niemand hat sie weggeschickt. Niemand hat ihr Miete gegeben.

Sie war nicht jung, als ich da war. Vielleicht war sie nie jung. Ich kann das nicht beurteilen. Frauen, die ich später als jung erkannt habe, sahen anders aus als sie. Aber das heißt vielleicht nichts.

Sie hat wenig gesprochen. Wenn sie gesprochen hat, hat sie Sachen gesagt, die ich erst lange später verstanden habe. Manche habe ich nie verstanden. Sie hat sie auch nicht erklärt.

Sie hat mir zu essen gegeben. Sie hat mir Kleider gegeben, die ich nicht selbst suchen musste. Sie hat mich nicht geschlagen, sie hat mich nicht umarmt, sie hat mich nicht gerufen. Manchmal hat sie mich angesehen, lange. Sie war einfach da, wenn ich nach Hause kam. Wenn ich nicht nach Hause kam, war sie auch da, glaube ich. Aber das habe ich nicht überprüft.

Ich habe sie Mutter genannt. Wenn sie einen Namen hatte, habe ich ihn nicht benutzt. Andere haben sie auch nicht gerufen, soweit ich weiß. Vielleicht hatten andere Menschen einen Namen für sie. Ich nicht.

Es gab noch jemanden im Haus. Eine Zeitlang. Ich weiß nicht mehr, wer. Es war nicht meine Mutter, es war nicht ich. Es war jemand drittes. Ich erinnere mich an Schritte, die nicht meine waren und nicht ihre. Ich erinnere mich an einen Schatten am Fenster, der vorbeiging. Ich erinnere mich an eine Stimme, die einmal sang und dann nie wieder.

Es kann ein Bruder gewesen sein. Es kann ein Onkel gewesen sein. Es kann jemand gewesen sein, der nicht zur Familie gehörte und trotzdem im Haus wohnte. Ich habe meine Mutter nie danach gefragt. Sie hätte es mir wahrscheinlich nicht gesagt. Vielleicht hätte sie es mir gesagt, und ich habe nicht gefragt, und das ist meine Schuld. Ich denke nicht oft darüber nach. Manchmal.

Manchmal denke ich an diesen Dritten. Aber es ist eine Vermutung, die ich nicht überprüfen kann.

Es gibt einen Tag, an den ich mich erinnere, der nicht wichtig ist, aber der bleibt.

Ich war vielleicht sechs. Vielleicht sieben. Ich war auf einem Feld. Es war Mittag. Die Sonne stand hoch, und das Korn war fast reif. Ich saß im Schatten einer Mauer. Die Mauer hatte einen Riss, durch den man auf die Straße sehen konnte. Auf der Straße kam ein Hund vorbei. Er war klein und hatte ein gebrochenes Bein. Er ging trotzdem. Er ging langsamer als ein Hund mit allen Beinen, aber er ging.

Ich sah ihm nach, bis er um die Kurve war. Dann sah ich ihm noch nach. Ich wusste, dass er gegangen war, und ich sah trotzdem in die Richtung, in die er gegangen war. Ich kann nicht sagen, was ich dabei gedacht habe. Ich glaube, ich habe nichts gedacht. Aber dieser Hund ist mir später eingefallen, mehrere Male, an Stellen, an denen ich mich nicht hätte an einen Hund erinnern müssen.

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Bastian Brexner · 2026 · Wahr ist, was trägt.