Leseprobe · Bastian Brexner

Wegklang · Die Trilogie

Der Ungedrehte · Zugstark · Toma
Buchcover Wegklang · Die Trilogie

Ein Auszug aus Wegklang · Die Trilogie.
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Toma

Ich heiße Toma. Den Namen habe ich nicht von Anfang an gehabt. Wie man mich als Kind gerufen hat, weiß ich nicht mehr. Toma kam später.

Ich erzähle, woran ich mich erinnere. Bei manchen Dingen sehe ich noch eine Hand, einen Weg, die Stelle an einer Mauer. Die Gesichter dazu fehlen.

Wo ich sie nicht mehr sehe, lasse ich die Lücke.

—

Ich glaube, das Dorf lag im Süden. Später bin ich durch ähnliche Dörfer gegangen und habe nach dem Brunnen und unserem Haus gesucht. Ich habe sie nicht gefunden.

Im Sommer war das Tal trocken. Im Winter war es kalt, aber nicht so kalt wie die Höhen weiter im Norden. Es schneite manchmal. Der Schnee blieb nicht lange.

Die Straße führte zum Hafen. Der Hafen war drei Tagesmärsche entfernt. Ich bin nie hingegangen, als ich klein war. Ich habe ihn das erste Mal gesehen, als ich nicht mehr klein war.

Im Dorf gab es ein paar Häuser, ein paar Felder, einen Brunnen, eine Kirche, die am Sonntag aufmachte und sonst nicht. Es gab einen Mann mit einem Esel, der das Wasser brachte. Es gab einen anderen Mann, der mit einem Wagen Holz brachte. Beide Männer sind gestorben, bevor ich aufgehört habe, klein zu sein. An ihre Gesichter erinnere ich mich nicht. An den Esel erinnere ich mich. Er war grau und hatte eine helle Stelle an der Nase.

—

Meine Mutter hatte ein Haus an der Straße. Es war nicht ihr Haus. Wem es gehörte, weiß ich nicht. Sie hat dort gewohnt, solange ich denken kann. Niemand hat sie weggeschickt. Niemand hat Miete von ihr verlangt.

Wenn sie sich über die Schüssel beugte, sah ich graue Strähnen in ihrem Haar. Wie alt sie war, wusste ich nicht.

Sie hat wenig gesprochen. Manche ihrer Sätze sind mir erst lange später wieder eingefallen. Ich hätte sie gern danach gefragt.

Sie hat mir zu essen gegeben und Kleider hingelegt. Sie hat mich nicht geschlagen und nicht umarmt. Manchmal hat sie mich lange angesehen. Wenn ich nach Hause kam, war sie da.

Ich habe sie Mutter genannt. Einen anderen Namen habe ich für sie nie benutzt.

—

Eine Zeit lang wohnte noch jemand im Haus. Ich erinnere mich an andere Schritte und an einen Schatten, der am Fenster vorbeiging. Eine Stimme hat einmal gesungen. Wer das war, weiß ich nicht mehr.

Ich habe meine Mutter nie danach gefragt. Später habe ich versucht, mir den Sänger vorzustellen. Jedes Mal sah er anders aus.

—

Ein Tag auf einem Feld ist mir geblieben.

Ich war sechs oder sieben. Mittags saß ich im Schatten einer Mauer. Das Korn war fast reif. Durch einen Riss sah ich die Straße. Ein kleiner Hund kam vorbei und zog ein verletztes Bein nach. Er ging langsam, bis er hinter der Kurve verschwand.

Ich sah noch immer durch den Riss, als er längst fort war. Später fiel mir der Hund wieder ein, mitten auf einem Weg oder bei der Arbeit. Ich wusste dann noch, wie sein Rücken sich bei jedem Schritt gesenkt hatte.

—

Drei oder vier Jahre bin ich im Nachbardorf zur Schule gegangen. Jeden Morgen eine Stunde zu Fuß, außer sonntags. Manchmal nahm mich jemand auf einem Wagen mit.

Der Lehrer war ein alter Mann. Mit einem Stock schlug er auf den Tisch, wenn wir nicht aufpassten. Nur selten schlug er nach uns. Einmal warf er den Stock gegen die Wand, und er brach. Am nächsten Tag hatte er einen neuen.

Er brachte uns lesen, schreiben und rechnen bei. Ich kam meistens mit. Wenn er mich aufrief, musste ich oft erst suchen, an welcher Stelle wir waren.

An einem regnerischen Vormittag waren nur wenige von uns da. Der Lehrer stand am Fenster. Ohne sich umzudrehen, sagte er:

„Wer geht, sieht. Wer bleibt, weiß.“

Damals verstand ich den Satz nicht. Später kam er mir auf meinen Wegen wieder. Besonders der zweite Teil: Wer bleibt, weiß. Ich hätte den Lehrer gern gefragt, was er selbst wusste.

—

Manchmal kam eine Frau in die Schule. Sie wischte den Boden, brachte Holz für den Ofen und sprach leise mit dem Lehrer.

Einmal war ich allein auf dem Hof. Sie kam vorbei, blieb stehen und sah mich an. Ich wartete, ob ich etwas holen sollte. Sie sagte nichts und ging weiter.

Noch am Nachmittag hielt ich nach ihr Ausschau. Ich wollte wissen, ob sie wieder stehen bleiben würde.

—

Mit zwölf bestand ich die Prüfung am Ende des Schuljahres nicht. Danach ging ich nicht mehr hin.

Der Lehrer sprach mit meiner Mutter. Ich stand an der Tür und hörte ihn sagen, dass nicht jeder weitermachen müsse. Es gebe Wege, die nicht durch Bücher führten.

Meine Mutter hat genickt. Sie hat nichts gesagt. Sie hat ihm Wein angeboten. Er hat einen Schluck getrunken und ist gegangen. Ich habe mich nicht von ihm verabschiedet. Er hat nicht nach mir gefragt.

—

Danach hackte ich Holz, holte Wasser vom Brunnen und half beim Kochen. Wenn meine Mutter Brot backte, stand ich neben ihr. Sie schob mir die Schüssel hin. War der Teig zu trocken, goss sie Wasser dazu, und ich knetete weiter.

Brot backen, Holz hacken, Wasser holen: Ich konnte das inzwischen allein. Auch an Tagen, an denen meine Mutter kaum aufstand, wurden wir satt.

Abends blieb ich immer häufiger an der Tür stehen. Die Straße führte auf der einen Seite zum Hafen, auf der anderen in die Berge. Ich sah ihr nach, bis meine Mutter mich brauchte oder es dunkel wurde.

—

In einer Frühlingsnacht lag ich wach. Warmer Wind kam durch das Tal. Ich dachte an den Hafen, den ich nur aus Erzählungen kannte. Die Kleider hingen schon am Stuhl.

Vor Tagesanbruch zog ich mich an. Meine Mutter lag still in ihrem Bett. Ich nahm die Schuhe und wickelte das übrige Brot vom Vortag in ein Tuch.

An der Tür blieb ich stehen. Sie war wie immer unverschlossen. Als ich sie öffnete, hörte ich das leise Quietschen, auf das ich seit Jahren nicht mehr geachtet hatte.

Draußen sah ich in beide Richtungen. Dann nahm ich den Weg zum Hafen.

Ich bin gegangen.

Ende dieses Auszugs
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