Heureka Trilogie I

Ein Auszug aus Heureka Trilogie I.
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Orchestrierte Verantwortung
1. MORGEN, 6:47 UHR
Der Wecker klingelt nicht. Gestern Abend habe ich ihn ausgeschaltet oder vergessen, ihn zu stellen. Trotzdem bin ich wach, ungefähr zur gewohnten Zeit. Durch die Gardinen kommt graues Licht. Draußen fahren schon Autos; jemand hupt.
Ich liege auf dem Rücken und sehe den Fleck an der Decke. Der war schon da, als wir einzogen. Ich habe nie gefragt, woher er kommt. Neben mir ist das Bett leer.
Maria öffnet die Augen zur weißen Wand ihrer neuen Wohnung. Drei Wochen wohnt sie hier, und im ersten Augenblick erwartet sie noch immer das alte Zimmer mit dem Fenster zum Hof. Sie dreht sich um. Das Bett nimmt zu viel Platz ein. Trotzdem hat sie ausgerechnet das mitgenommen: Matratze und Rahmen, kein anderes Möbelstück.
Ihre Sachen stehen in Kartons. Sie müsste entscheiden, was wohin soll, bevor sie auspacken kann. Vom Bettrand aus sieht sie zum Fenster. Im Innenhof steht das Fahrrad, das offenbar niemand mehr benutzt. Ihre Knie knacken beim Aufstehen. Sie zieht das Fenster zu.
Ich setze mich auf. Im Zimmer ist es kühl; die Heizung habe ich nicht angestellt. Vielleicht wollte ich sparen. Als meine Füße den Boden berühren, ziehe ich sie wieder hoch. So kann ich nicht sitzen bleiben. Ich sage mir das, bis ich aufstehe.
Thomas sitzt seit einer Stunde am Küchentisch. Zum dritten Mal in dieser Woche hat er das Schlafen aufgegeben. Seine Frau liegt im anderen Zimmer. Wegen des Schnarchens, sagen sie, wenn davon überhaupt die Rede ist. Meist ist es praktischer so.
Er sieht auf die Uhr: 6:52. Acht Minuten, dann muss er sich fertig machen. Der Kaffee steht unberührt vor ihm. Er trinkt einen Schluck, obwohl er inzwischen kalt ist, und zieht den Mund zusammen. Für einen neuen müsste er jetzt noch einmal aufstehen.
Im Bad flackert die Lampe, ehe sie angeht. Das tut sie schon länger. Ich sollte sie wechseln. Im Spiegel sehe ich, wie müde ich aussehe, und beuge mich übers Waschbecken. Das kalte Wasser hilft gerade lange genug, um nach dem Handtuch zu greifen.
Ihres hängt neben meinem. Ich könnte es abnehmen. Waschen, weglegen; wegwerfen wäre albern. Während ich darüber nachdenke, trockne ich mir das Gesicht. Dann hängt es immer noch dort.
Sophie stellt das Duschwasser heißer, als sie es verträgt, und lehnt sich gegen die Kacheln. Für ein paar Minuten braucht sie noch nicht zu zählen, was heute alles fertig werden muss. Leon schläft. Gleich wecken, Frühstück, Schule, Arbeit, abholen. Hausaufgaben und Abendessen. Hat sie vor dem Schlafengehen wieder etwas vergessen, fällt es ihr ein, sobald sie liegt.
Wann sie zuletzt etwas allein unternommen hat, weiß sie nicht mehr. Der Boiler gibt nach, das Wasser wird kühl. Sophie dreht den Hahn zu. Leon ist sieben; für die Schule darf sie ihn nicht länger schlafen lassen.
In der Küche fülle ich den Wasserkocher. Auf dem Tisch stehen zwei Tassen, meine und ihre. Seit gestern oder seit vorgestern. Ich weiß nicht, weshalb ich beide stehen lasse, aber als das Wasser kocht, gieße ich es nur in meine.
Ein Löffel Kaffeepulver hätte gereicht. Ich nehme zu viel und rühre um. Das Löffelchen schlägt gegen den Rand. Ihre Tasse ist sauber und leer. Ich setze mich und trinke zu früh. Meine Zunge brennt.
Heinz macht seiner Frau Toast. Zwei Scheiben wie jeden Morgen, Butter und Marmelade dazu. Sie hat die Zeitung aufgeschlagen und rückt sie ein Stück zur Seite, als er den Teller hinstellt.
„Danke“, sagt sie, ohne aufzusehen.
Er nimmt seine Scheibe. Im Radio kommen die Nachrichten, danach Verkehr und Wetter. Seit wann sie beim Frühstück so wenig reden, könnte er nicht sagen. Es gibt dafür keinen bestimmten Morgen. Er müsste etwas fragen, wenn er jetzt reden wollte, und bei keiner Frage ist er sicher, ob sie nicht lächerlich wäre. Er isst weiter. Sie auch.
Meine Tasse ist noch halb voll. Der Kühlschrank springt an, draußen fährt ein Auto vorbei. Ich sollte mich fertig machen und zur Arbeit gehen. Stattdessen sehe ich weiter auf ihre Tasse.
Ich tu dir nichts.
Ich habe es leise gesagt, ohne es zu wollen. Hier ist niemand außer mir. Ich stehe auf und räume meine Tasse weg. Ihre lasse ich stehen.
Maria füllt den Kaffee in eine Thermoskanne. Im Büro kann sie ihn trinken und dabei schon die ersten Sachen erledigen. Sie kommt früher als die anderen und geht später; hier zu sitzen bringt ihr nichts ein.
Mit Tasche und Jacke geht sie in den dunklen Flur. Die kaputte Lampe hat der Vermieter noch immer nicht reparieren lassen. Früher hat sie deswegen angerufen. Jetzt kennt sie die Stufen auch im Dunkeln. Unten zieht sie die Jacke enger und sieht auf die Zeit. Noch fünf Minuten bis zur U-Bahn. Sie geht schneller.
Ich ziehe die Sachen von gestern an. Hemd und Hose sind zerknittert. Die Wäsche müsste längst gewaschen sein. Im Flur bleibe ich kurz stehen, als hätte ich etwas vergessen, dann ziehe ich die Wohnungstür zu. Oberes Schloss, unteres Schloss. Auf der Treppe knarren die Stufen.
Draußen könnte es jeden Moment regnen. Ich gehe zur U-Bahn.
„Leon. Aufstehen.“
Sophie zieht die Decke ein Stück zurück. Er dreht sich auf die andere Seite und murmelt in sein Kissen.
„Schule, Leon.“
Jetzt öffnet er ein Auge. „Noch fünf Minuten.“
„Nein. Jetzt.“
Er steht mit einer Langsamkeit auf, für die Sophie heute keine Zeit hat. In der Küche stellt sie ihm Cornflakes und Milch hin. Er sieht in die Schüssel, als müsste er erst überlegen, was damit zu tun ist.
„Iss.“
Er nimmt einen Löffel. Sie beginnt aufzuräumen, während er kaut. 7:15, in zehn Minuten müssen sie los.
„Schneller.“
Leon schiebt sich den nächsten Löffel in den Mund. Sophie sieht schon wieder auf die Uhr.
In der U-Bahn halte ich mich zwischen Menschen fest, die auf ihre Handys oder aneinander vorbeisehen. Die Frau neben mir trägt viel Parfüm. Der Mann vor mir schwitzt trotz der Kälte. An jeder Station muss ich mich zur Seite drehen, damit jemand aussteigen kann. Danach stehen andere an derselben Stelle.
Ich schaue ins schwarze Fenster. Als die nächste Station aufleuchtet, steige ich aus.
Thomas sitzt im Stau. Die Verkehrsnachrichten melden die A3 und die B27; über eine dieser Meldungen könnte er aus dem eigenen Wagen berichten. Die Ampel wird grün, er rollt zwei Meter vor und bremst wieder.
Auf dem Lenkrad liegt seine Hand ohne Ring. Vor drei Monaten hat er ihn abgenommen. Seine Frau hat nichts dazu gesagt. Auch er hat seitdem nichts dazu gesagt. Vorn fährt der Wagen an. Thomas rückt nach und wartet wieder bei Rot.
Das Bürogebäude besteht aus Glas und grauem Beton wie die anderen in dieser Straße. Ich fahre in den dritten Stock. Der Flur ist leer. Ob ich früh bin oder die anderen nur später kommen, prüfe ich nicht nach.
Auf meinem Schreibtisch liegen die Papiere von gestern. Zwischen den Stiften steht alter Kaffee. Ich schalte den Computer ein, gebe das Passwort falsch ein und versuche es noch einmal. Der Desktop erscheint. 47 neue E-Mails.
Ich öffne keine. Meine Hand liegt auf der Maus, während ich auf den Bildschirm sehe.