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Leseprobe

HEUREKA SCHWARTING

Band IV der HEUREKA-Reihe · Zwölf Erzählungen  ·  Bastian Brexner
Ein Fall für Schwarting
Ein Fall für Schwarting
Anfang

Nicht erklären. Genau da beginnt es zu wirken.

I · DER ZETTEL

Es war ein Donnerstag im April, der sechste, und in der Friedrichstraße dreiundzwanzig war es noch kühl. Schwarting hatte den Heizkörper früh am Morgen aufgedreht, weil die Wand zur Bäckerei Hülsemann hin im Frühjahr kalt blieb, auch wenn die Sonne draußen schon hell stand. Er saß seit halb neun an seinem Schreibtisch. Auf dem Schreibtisch lag das Telefonbuch in Lederbindung, das Notizbuch, eine Tasse Kaffee. In der Tasse war kein Kaffee mehr, aber das Berücksichtigen dieser Tatsache hätte eine Bewegung erfordert, und Schwarting wartete.

Er wartete nicht auf etwas Bestimmtes. Schwarting wartete grundsätzlich. Maron hatte auf Seite einhundertvierzehn geschrieben, ein guter Ermittler weiß nichts und wartet nur, bis die Dinge sich verraten, und Schwarting hatte sich diesen Satz so eingeprägt, dass das Warten selbst die Methode war. Er saß also.

Um zehn nach zehn klingelte es.

Schwarting drückte den Türöffner, ohne aufzustehen, was er nicht aus Maron hatte, sondern aus Bequemlichkeit, was er sich aber damit erklärte, dass Maron es vermutlich auch so gemacht hätte. Auf der Treppe hörte er Schritte. Frauenschritte. Mit Sohle, nicht mit Absatz. Schwarting hatte über die Jahre gelernt, Klienten an ihren Schritten zu erkennen, was zumindest für die ersten drei Sekunden des Aufeinandertreffens eine Erwartung herstellte. Er fand selten, dass diese Erwartung mit dem übereinstimmte, was dann durch die Tür kam. Aber er hielt an dem Verfahren fest, weil das Lassen davon eine Entscheidung gewesen wäre.

Die Tür ging auf.

Eine Frau in mittlerem Alter, mit einem dunklen Mantel und einem Hängeordner unter dem Arm, trat ein. Sie blickte sich kurz im Vorzimmer um, das eigentlich kein Vorzimmer war, sondern nur ein Stück Flur mit einer Pflanze, sah die offene Tür zum Büro und ging direkt durch. Sie blieb vor dem Schreibtisch stehen und sagte:

»Mein Onkel ist verschwunden. 1962.«

Schwarting nickte.

Sie sah ihn an, wartete einen Moment, und als nichts kam, setzte sie hinzu:

»Ich heiße Renate Strähle-Loos.«

»Strähle-Loos«, nickte Schwarting.

»Sie sind Herr Schwarting?«

»Ja.«

»Ich habe Sie im Telefonbuch gefunden.«

»Telefonbuch«, nickte Schwarting.

Sie zog sich den zweiten Stuhl heran und setzte sich. Sie war eine sachliche Frau, das sah Schwarting sofort, mit dem Gesichtsausdruck einer Verwaltungsangestellten, die einen Antrag begründen muss und damit rechnet, dass der Antrag abgelehnt wird, weshalb sie schon vorher überlegt hat, wo sie Widerspruch einlegen würde. Schwarting hatte diese Art von Frauen in den letzten Jahren öfter gehabt. Sie waren die einfachsten Klientinnen, weil sie ihre Geschichte ordentlich erzählten und am Ende selbst sagten, was sie wollten. Bei Männern war das anders. Männer wollten oft erst herausgefunden haben, was sie wollen.

Renate Strähle-Loos öffnete den Hängeordner. Sie nahm eine Klarsichthülle heraus, die ein einzelnes Stück Papier enthielt. Sie legte die Klarsichthülle auf den Schreibtisch.

»Mein Vater ist vor drei Wochen gestorben«, sagte sie. »Friedrich Strähle. Fünfundsiebzig Jahre alt. Er lebte in Bielefeld.«

»Bielefeld«, nickte Schwarting.

»Ich habe seine Brieftasche geräumt. In einem Innenfach, hinter dem Personalausweis, war dieser Zettel.«

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Bastian Brexner · 2026 · Wahr ist, was trägt.