Leseprobe · Bastian Brexner

Heureka Trilogie I

Bände I–III · Entropie · Orchestrierte Verantwortung · Die Begegnung
Buchcover Heureka Trilogie I

Ein Auszug aus Heureka Trilogie I.
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Entropie

Kapitel 1 — Die Erfindung

19.01.2012, 23:17 Uhr

In dieser Nacht war nichts ungewöhnlich.

Vielleicht ein Hauch zu viel Bewegung in den Dingen.

Ein kaum erklärbares Nachschwingen, wenn etwas zur Ruhe kam.

Wahrscheinlich nur Einbildung.

„Heureka!“

Nortons Schrei hallte durch die Einzimmerwohnung.

„Heureka!“ Wieder und wieder.

Die Nachbarn antworteten mit wütenden Fäusten, die gegen die Wände trommelten.

„Nie wieder volle Aschenbecher! Nie wieder Kippen entsorgen müssen. Heureka!“

Norton Hansen – 29, kettenrauchend, chronisch pleite – griff sich gleich wieder eine Fluppe. Er zündete sie an und wartete erst gar nicht ab, bis die Zigarette auch nur annähernd in den Genuss ihrer Zweckmäßigkeit gekommen war, bevor auch schon die nächste Fluppe glühte. Mit einem – Zipp – und ohne irgendwelche Kinkerlitzchen, von wegen Rauch oder einem großartigen farbenfrohen Effekt, verschwand jeder Stummel im Aschenbecher. Einzig dieses Geräusch war zu vernehmen.

Wenn man jedoch sehr genau hinsah, konnte man in der Mitte der Öffnung so etwas wie einen Strudel erkennen. Ab jetzt war „woanders“ kein leeres Irgendwo mehr.

Er hatte ein makroskopisches Schwarzes Loch erschaffen – oder etwas, das sich so verhielt. Die Hawking-Strahlung müsste es längst verdampfen lassen. Aber da war dieser Strudel. Diese Öffnung. Als hätte er den Ereignishorizont auf fünf Zentimeter Durchmesser komprimiert und dabei vergessen, der Quantenphysik Bescheid zu sagen.

Norton verstand nicht einmal annähernd, was er getan hatte. Es basierte auf einer theoretischen Annahme – und offenbar hatte das Universum beschlossen mitzuspielen.

Jede Ecke war vollgestopft mit Technikspielereien. Vom „Wissenschaftler-Starter-Set“ bis hin zu „konnte ich mir nicht leisten, aber dem Schullabor sei Dank“-Equipment. Die restlichen Flächen waren vollgestellt mit Aschenbechern, zwischen denen, so könnte man vermuten, ein eigener Wettbewerb herrschte: Auf welchen passt mehr rauf? Bisher fanden die Kreide samt Tafel und der Schwamm den praktischsten Nutzen.

Wäre er gestern Abend nicht noch bei seinem Kumpel Marek geblieben, nicht sturzbetrunken nach Hause gekommen und hätte er dann nicht noch, während er versuchte, sein Bett freizuräumen, einen Pizzarest an die Tafel geworfen, so wäre die Formel nie entstanden. Die Pizza klebte dort längst nicht mehr, doch ihrem chaotischen Wischeffekt war es zu verdanken, dass Norton seinen bis dato glücklichsten Moment erlebte.

– Zipp –

„HEUREKA!“

Bumm, bumm, bumm, donnerte es von den Wänden.

Die hämmernden Nachbarn interessierten Norton nicht. Er tüftelte weiter, bis ihm die Zigaretten ausgingen. Also griff er zum Telefon und ließ sich per Taxikurier eine weitere Stange kommen. Auch wenn das sein Budget bei Weitem überschritt, war ihm klar: Von jetzt an würde er sich nie wieder Sorgen machen müssen. Finanziell sollte er damit ausgesorgt haben. 1,3 Milliarden Menschen rauchten.

Seine Gedanken überschlugen sich bei der Rechnung. Wenn auch nur jeder fünfte Raucher seinen Aschenbecher kaufen würde, so wären das doch immer noch 260 Millionen potenzielle Kunden. Ein weiterer Vorteil: Es sterben immer noch viele daran, aber es bleibt eine natürliche Ressource. Dem Nachwuchs sei gedankt. Also: 25 € Stückpreis bei 260 Millionen Abnehmern. Er griff zur Kreide und kritzelte hastig über die Tafel. Seine Finger folgten seinen Gedanken und überschlugen sich förmlich. Er zog einen Strich unter die Zahl.

6.500.000.000 €.

Er pfiff durch seine Zahnlücke.

Selbst die Kreide schien ehrfürchtig zu schweigen. Während er die Zahl in seinen Gedanken wiederholte, wurde sein Gedanke aus lauter Ehrfurcht vor der Summe immer leiser. 6 Milliarden und 500 Millionen €.

„Heureka!“

Ein Geistesblitz überkam ihn. Was, wenn ich nicht nur Zigarettenstummel und Asche verschwinden lassen kann?

Mit suchendem Blick nach Nutzlosem musterte er das Inventar seiner Einzimmerwohnung. Sein Blick glitt über die verschiedensten Apparaturen hinweg. Nutzlos, aber dennoch zu wertvoll, um sie einem Experiment zu opfern. Schlussendlich fasste er ein unter seiner Tafel liegendes Stück Pizza ins Auge, zögerte nicht lange und nahm es auf. Norton hielt es über die Öffnung. Seine Pupillen erweiterten sich, fixierten die Pizza.

Während ihn für einen flüchtigen Moment das Gefühl beschlich, sich an diesen Augenblick zu erinnern, erlahmte seine Muskulatur.

Seine Finger gaben das Stück Pizza frei.

Und … nichts.

Die Pizza verstopfte nur die Öffnung.

Ein kaum wahrnehmbares Zittern erfüllte den Raum.

Norton blinzelte enttäuscht.

Egal, dachte er.

„Heureka! Ich bin reich.“

Dreihundertzwölf Jahre später beherrschte die Hansen GmbH & Co. KG den Markt für Abfallentsorgung und Transport. Tadeus Hansen hatte das Unternehmen geerbt.

Ende dieses Auszugs
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