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Leseprobe

DIE BEGEGNUNG

Roman · Dreiklang³ · Ebene 1 · Grundton  ·  Bastian Brexner
In der Werkstatt · Lüneburg
In der Werkstatt · Lüneburg
KAPITEL 1

Rückkehr

Peter stand am Hobel.

Die Werkstatt roch nach Holz und Leinöl, nach Sägemehl und etwas, das er nicht benennen konnte. Vielleicht Zeit. Vielleicht Geduld. Das Brett aus Eiche lag vor ihm auf der Hobelbank, die Maserung dunkel und gleichmäßig. Peter legte beide Hände auf den Griff des Handhobels, spürte das glatte Holz unter seinen Handflächen, kühl und vertraut.

Er schob.

Die Klinge griff ins Holz, zog einen dünnen Span heraus. Der Span kringelte sich, fiel zu Boden. Ein zweiter Stoß. Noch ein Span. Peter arbeitete langsam, gleichmäßig, ohne Eile. Seine Bewegungen waren präzise, fast mechanisch. Das Holz wurde glatt unter seinen Händen.

Das Herz eines Tischlers, hatte sein neuer Chef gesagt, schlägt beim Anblick von frischen Spänen höher. Peter wusste nicht, ob sein Herz höher schlug. Er wusste nur, dass es schlug. Dass es seit acht Jahren schlug, durch alles hindurch. Dass es jetzt schlug, hier, in dieser Werkstatt in Lüneburg, wo niemand seinen Namen kannte und niemand fragte, woher er kam.

Am Hobel
Am Hobel

Das war gut so.

Die Tischlerei Meier & Söhne lag am Rand der Altstadt, ein Backsteinbau mit großen Fenstern, durch die jetzt das Nachmittagslicht fiel. Peter war vor drei Tagen hier eingetroffen. Drei Tage zurück in Deutschland. Drei Tage zurück aus einem Land, dessen Namen er nicht mehr sagte. Er hatte dort Dinge gesehen, die nicht stehen bleiben sollten. Die trotzdem blieben.

Am Flughafen hatte er seine Tasche genommen, war in den Zug gestiegen, hatte aus dem Fenster gesehen. Deutschland war zu bunt. Zu laut. Zu chaotisch. Die Menschen redeten zu viel, lachten zu laut, bewegten sich zu schnell. Alles wackelte. Nichts trug.

Aber dann, gestern, hatte er diese Werkstatt gefunden. Und Chef Meier, ein Mann um die sechzig mit grauen Haaren und wenigen Worten, hatte genickt. „Kannst morgen anfangen“, hatte er gesagt. Keine Fragen nach Zeugnissen, keine Fragen nach Bundeswehr, keine Fragen nach Afghanistan oder Mali. Nur: „Kannst du hobeln?“

Peter hatte genickt.

Das Maß nehmen
Das Maß nehmen

Und jetzt stand er hier, am ersten Tag, und hobelte. Das Brett wurde glatter mit jedem Stoß. Die Späne häuften sich zu seinen Füßen an, kringelten sich wie kleine Schnecken. Peter dachte an nichts. Er schob den Hobel, zog ihn zurück, schob ihn wieder. Die Bewegung war beruhigend. Vorhersehbar. Kontrollierbar.

Nicht wie ein Gebäude, das plötzlich einstürzt. Nicht wie ein Kind, das plötzlich schreit. Nicht wie Hände, die plötzlich zittern und nicht aufhören können.

Peter schob den Gedanken weg. Hobeln. Nur hobeln.

„Das Maß muss stimmen“, sagte eine Stimme hinter ihm. Peter drehte sich um. Einer der Gesellen, vielleicht Mitte dreißig, stand da mit einem Meterstab in der Hand. „Für die Tischplatte. Exakt zweieinhalb Zentimeter stark, sonst passt die Zarge nicht.“

Peter nahm den Meterstab, maß. Zweiundzwanzig Millimeter. Er hobelte weiter. Maß wieder. Vierundzwanzig. Weiter. Fünfundzwanzig. Noch ein Stoß. Genau fünfundzwanzig Millimeter.

Nachts, beim Kunden
Nachts, beim Kunden

„Gut“, sagte der Geselle und ging.

Peter stand da und sah auf das Brett. Fünfundzwanzig Millimeter. Das Maß stimmte. Etwas in seiner Brust, das seit Monaten verkrampft gewesen war, lockerte sich. Nur ein wenig. Aber spürbar.

Er hatte gelernt, in Afghanistan: Nicht alles, was steht, trägt. Und nicht alles, was trägt, sollte stehen. Er hatte gelernt, Gebäude zu beurteilen, Statik zu verstehen, zu wissen, wann ein Raum sicher war und wann nicht. Aber er hatte nicht gelernt, wie man das unterscheidet, wenn man selbst das Gebäude ist. Wenn man selbst wackelt. Wenn man selbst nicht weiß, ob man noch trägt.

Aber hier, mit dem Hobel in der Hand, mit dem Brett vor sich, mit dem Maß, das stimmte – hier war etwas anderes. Hier war Kontrolle. Nicht die Kontrolle, die er im Einsatz gebraucht hatte, die schnelle, die scharfe, die tödliche. Sondern eine andere. Eine, die formte, statt zu zerstören. Eine, die etwas aufbaute, statt es niederzureißen.

Was es kostet
Was es kostet

Peter arbeitete bis zum Abend. Um sechs Uhr legte Chef Meier ihm eine Hand auf die Schulter. „Feierabend“, sagte er. Peter nickte, räumte seine Werkzeuge auf, fegte die Späne zusammen. Die Werkstatt wurde still. Nur das Ticken der Uhr an der Wand.

Er ging nach Hause. Seine Wohnung war klein, ein Zimmer mit Kochnische, Fenster zur Straße. Er hatte noch nichts ausgepackt. Die Tasche stand in der Ecke, die Bundeswehrtasche, olivgrün, abgenutzt. Peter sah sie an, wandte sich ab.

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Bastian Brexner · 2026 · Wahr ist, was trägt.