Leseprobe · Bastian Brexner

Heureka Trilogie I

Bände I–III · Entropie · Orchestrierte Verantwortung · Die Begegnung
Buchcover Heureka Trilogie I

Ein Auszug aus Heureka Trilogie I.
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Die Begegnung

KAPITEL 1

Rückkehr

Peter stand an der Hobelbank.

Die Werkstatt roch nach Holz und Leinöl. Sägemehl lag in den Fugen des Bodens. Vor ihm war ein Eichenbrett eingespannt, dunkel gemasert, an der vorderen Kante noch rau. Peter legte die Hände an den Hobelgriff. Das Holz unter seinen Handflächen war kühl.

Er schob. Die Klinge griff, ein dünner Span rollte sich auf und fiel zu Boden. Beim nächsten Stoß wurde er länger. Peter zog den Hobel zurück, setzte ihn wieder an und spürte, wo die Klinge noch Widerstand fand.

Das Herz eines Tischlers, hatte sein neuer Chef gesagt, schlage beim Anblick frischer Späne höher. Peter achtete kurz auf sein eigenes. Es schlug rascher als nötig. Er beugte sich wieder über das Brett.

Die Tischlerei Meier & Söhne lag am Rand der Lüneburger Altstadt, ein Backsteinbau mit hohen Fenstern. Durch sie fiel jetzt das Nachmittagslicht. Vor drei Tagen war Peter in der Stadt angekommen. Seine Tasche hatte er in die Wohnung gestellt und war durch die Straßen gegangen, bis er gestern vor der Werkstatt stehen geblieben war.

Chef Meier, ein Mann um die sechzig mit grauen Haaren, hatte ihn angesehen und gefragt: „Kannst du hobeln?“

Peter hatte genickt.

„Kannst morgen anfangen.“

Peter hatte auf die nächste Frage gewartet. Nach der Bundeswehr, nach Afghanistan oder Mali, nach dem, was er vorher gemacht hatte. Meier hatte ihm stattdessen gezeigt, wo er seine Jacke aufhängen konnte.

Auf der Zugfahrt nach Lüneburg war Peter kaum vom Fenster weggerückt. An den Bahnhöfen hatten Menschen dicht neben seinem Platz gestanden, miteinander geredet, gelacht und ihre Taschen über ihn hinweggehoben. Selbst als der Zug wieder fuhr, blieb er angespannt sitzen. Hier konnte er sehen, was als Nächstes geschehen würde: die Klinge ansetzen, schieben, zurückziehen.

Am Boden kringelten sich die Späne. Peter schob den Hobel weiter. Für einige Stöße gelang es ihm, nur auf den Widerstand im Brett zu achten.

Dann hörte er wieder das Kind. Sah die nachgebende Decke, obwohl vor ihm die Eichenmaserung lag. Er presste die Finger um den Griff, bis er die Kante in der Handfläche spürte.

„Das Maß muss stimmen“, sagte eine Stimme hinter ihm.

Peter drehte sich um. Ein Geselle, vielleicht Mitte dreißig, hielt ihm einen Meterstab hin.

„Für die Tischplatte. Zweieinhalb Zentimeter stark, sonst passt die Zarge nicht.“

Peter maß. Achtundzwanzig Millimeter. Er hobelte weiter, setzte den Meterstab erneut an. Siebenundzwanzig. Dann sechsundzwanzig. Er machte einen vorsichtigen Stoß und prüfte die Stärke an mehreren Stellen. Fünfundzwanzig Millimeter.

„Gut“, sagte der Geselle und ging an seine Bank zurück.

Peter ließ den Meterstab noch einen Moment am Brett liegen. Die Zahlen waren deutlich zu lesen. Er holte tiefer Luft, als er es während der Arbeit bemerkt hatte.

In Afghanistan hatte er Gebäude begutachtet. Er hatte Wände geprüft, Maße aufgeschrieben und berechnet, welche Last sie tragen konnten. Eines der Gebäude hatte er für sicher gehalten, bevor es einstürzte. Später hatte er die Zahlen wieder und wieder vor sich gesehen; die Decke war davon nicht an ihren Platz zurückgekehrt.

Er legte den Meterstab auf die Bank. Bei diesem Brett konnte er nachsehen, ob seine Arbeit stimmte. Der Geselle hatte es ebenfalls geprüft. Peter nahm den Hobel und machte weiter.

Um sechs legte Meier ihm eine Hand auf die Schulter.

„Feierabend.“

Peter räumte die Werkzeuge auf und fegte die Späne zusammen. Als die Säge verstummte, hörte er die Wanduhr.

Seine Wohnung hatte ein Zimmer mit Kochnische und ein Fenster zur Straße. Die olivgrüne Bundeswehrtasche stand noch in der Ecke. Peter ging an ihr vorbei, schnitt Brot ab und aß am Tisch. Er trank ein Glas Wasser. Draußen wurde es dunkel; ab und zu fuhr ein Auto vorbei.

Er dachte an Mali, an die Fahrten, deren Ablauf er am Morgen schon gekannt hatte. Dann an den Flughafen, an seine Mutter, die weinend auf ihn zugekommen war. Er hatte sie nicht umarmen können. In den Nächten danach war er mit dem Gefühl aufgewacht, zu fallen, obwohl er im Bett lag.

Jetzt kam das Bild des Kindes wieder. Peter stellte das Glas ab. Er stand auf, ging ins Bad und putzte sich die Zähne, den Blick auf das Becken gerichtet.

Die Matratze war hart. Er legte sich auf den Rücken und schloss die Augen. Eine Weile spürte er noch den Hobelgriff in den Händen.

Als er die Augen wieder öffnete, war es Morgen. Er lag noch auf dem Rücken. Er konnte sich an kein Aufschrecken erinnern. Auf dem Weg ins Bad blieb er vor der Tasche stehen, ließ sie aber ungeöffnet.

In der Werkstatt stand Meier am Werkzeugschrank.

„Moin.“

„Moin“, sagte Peter.

Auf der Hobelbank lag ein weiteres Eichenbrett. Er prüfte, ob es fest eingespannt war, legte die Hände an den Griff und schob. Der erste Span hob sich von der Kante. Peter setzte den Hobel zurück und begann den nächsten Stoß.

Ende dieses Auszugs
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