Leseprobe · Bastian Brexner

Heureka Trilogie III

Bände VII–IX · Space Explorer 1 · Der Statiker · Die Wiederkehr
Buchcover Heureka Trilogie III

Ein Auszug aus Heureka Trilogie III.
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Der Statiker

KAPITEL 1: Das Projekt

Martin Voss war vor den Arbeitern da. Im November lag der Rohbau um sechs noch im Dunkeln; nur an der Zufahrt brannten zwei Lampen. Er blieb auf dem gefrorenen Kies stehen und zählte die Geschosse, obwohl er wusste, dass es fünfzehn waren. Hinter den offenen Fensteröffnungen sollten dreihundert Wohnungen entstehen. In den Verkaufsunterlagen sah man bereits Vorhänge und bepflanzte Balkone. Hier zog der Wind durch die Etagen.

Drei Jahre hatte Martin an dem Projekt gearbeitet. Er kannte die Änderungen, die nachts noch eingegangen waren, die gestrichenen Wände, die Stellen, an denen ein Leitungsweg neu geplant werden musste. Weber hatte die Berechnungen geprüft und nur wenige Rückfragen gestellt. Anschließend hatte Martin dieselben Seiten wieder aufgeschlagen.

Am Vortag hatte der Investor zum dritten Mal angerufen. Er wollte den Innenausbau fortsetzen, vor allem oberhalb des achten Stocks. Martin hatte um eine weitere Woche gebeten.

„Wofür, Voss? Sagen Sie mir wenigstens, worauf wir warten.“

Er hatte von einer zusätzlichen Prüfung gesprochen. Während des Gesprächs lag das Ergebnis bereits vor ihm. Es war nicht das erste Mal gewesen, dass er sich hinter dem Wort Prüfung versteckte.

Jetzt berührte er die Außenwand. Die Kälte drang durch den Handschuh. Seit einer Nacht im August kam er immer wieder hierher, blieb vor dem Gebäude stehen und wartete darauf, dass sich sein erster Eindruck als Unsinn erwies. Damals war ihm, als zögere etwas im Rohbau. Er hatte es auf die Müdigkeit geschoben. Später auf den Wind, den Arbeitsdruck, die ungewohnte Größe des Projekts. Inzwischen erwachte er damit.

Schröder kam vom Container herüber. Unter seinem Helm saßen die grauen Haare feucht an der Stirn. Er hatte ein Klemmbrett dabei und blieb so stehen, dass die Lampe auf seine Liste fiel.

„Die Elektroabnahme im achten ist durch. Ich brauche heute die Entscheidung für die nächsten Geschosse.“

Martin sah hinauf. „Noch nicht.“

Schröder setzte den Stift an, ohne etwas zu schreiben. „Dann sagen Sie mir, welche Arbeit ich sperren soll.“

„Den Ausbau. Ab neun.“

„Und was soll ich als Grund eintragen?“

Martin zog die Hand von der Wand. Er wollte nicht hören, wie sein Satz auf dieser Liste klang. „Ich muss wissen, ob es trägt.“

„Das verstehe ich als Frage an den Statiker. Sie sind der Statiker.“ Schröder ließ das Brett sinken. „Gibt es einen neuen Befund?“

„Nein.“

„Dann brauche ich heute trotzdem etwas Schriftliches. Die Leute werden mir um sieben dieselbe Frage stellen.“

Er ging zurück. Martin hatte erwartet, Schröder werde ihn zu beruhigen versuchen. Die Bitte um einen Satz für das Bautagebuch ließ sich schwerer abweisen.

Im Treppenhaus lag noch kein endgültiger Belag. Martin ging über die provisorischen Stufen hinauf. Auf einer Etage waren Leitungen eingezogen, auf der nächsten lag Verpackungsmaterial. Der Rohbau war nicht so leer, wie er von draußen wirkte. An jeder Ecke hatte jemand etwas begonnen und wollte damit weiterkommen.

Im fünften Stock blieb er bei C4 stehen. Der Stahlbetonträger maß laut Plan vierzig mal sechzig Zentimeter. Martin sah die Schalungsfugen, eine abgeschlagene Kante, die Bleistiftmarkierung eines Handwerkers. Hier saß das Gefühl am festesten. Er legte beide Hände auf den Beton und schloss die Augen.

Unter den Handflächen wurde es allmählich wärmer. Sonst geschah nichts. Unten schlug eine Containertür zu. Er wartete noch, bis er sich dabei ertappte, dass er seinen Atem anhielt.

„Warum glaube ich dir nicht?“, fragte er.

Er schlug mit der Faust gegen den Träger. Der Schmerz kam sofort, der Hall einen Augenblick später. Martin hielt die Hand an den Mantel und setzte sich an die Wand. Dreißig Jahre arbeitete er als Statiker. Er hatte schwierige Nachweise geführt, Fehler gefunden, Entscheidungen vertreten. Jetzt saß er vor einem Bauteil und hatte eine Frage gestellt, die er niemandem in ein Protokoll diktieren konnte.

Von unten rief Schröder seinen Namen. Martin antwortete erst beim zweiten Mal.

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