Martin Voss stand vor dem Rohbau.
Fünfzehn Stockwerke. Beton und Stahl. Glas und Luft.
Sein Projekt.
Sein Leben.
Es war sechs Uhr morgens. November. Berlin. Der Himmel grau und schwer wie Blei.
Die Baustelle lag still da. Die Arbeiter kamen erst um sieben. Noch eine Stunde.
Martin mochte diese Stunde. Wenn er allein war. Wenn nur er und das Gebäude existierten.
Er ging näher ran. Seine Schritte knirschten auf dem gefrorenen Kies. Der Atem dampfte weiß in der kalten Luft.
Dreihundert Wohnungen. Dreihundert Familien. Ein ganzes Viertel würde hier leben.
Kinder würden in diesen Wänden aufwachsen. Ihre ersten Schritte machen. Ihre ersten Worte sprechen.
Alte Menschen würden hier sterben. In ihren Betten. Umgeben von Familie. Oder allein.
Das Gebäude würde es tragen. Alles. Jahrzehntelang.
Wenn—
Wenn es trug.
Martin blieb stehen. Legte die Hand auf eine Betonwand im Erdgeschoss.
Kalt. So kalt, dass es durch den Handschuh drang. Fest. Massiv. Real.
Er hatte es geplant. Jeden Quadratzentimeter. Jede Linie auf dem Papier war durch seine Hand gegangen.
Drei Jahre Arbeit. Tausende Stunden. Hunderte Nächte am Schreibtisch.
Die Statik stimmte. Er hatte sie dreimal überprüft. Dann noch einmal von seinem Kollegen Weber prüfen lassen. Ein alter Hase. Vierzig Jahre Erfahrung.
"Alles korrekt, Martin", hatte Weber gesagt. "Besser geht's nicht. Das Ding steht hundert Jahre."
Dann hatte Martin es ein drittes Mal selbst durchgerechnet.
Gleiche Ergebnisse. Gleiche Sicherheitsfaktoren. Alles im grünen Bereich.