Heureka Trilogie II

Ein Auszug aus Heureka Trilogie II.
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Das tragende Haus
KAPITEL 1
Göttingen. Eine Woche vorher.
Martin saß im Büro, als Julia König von einer Hausverwaltung in Neukölln anrief. Ein Mehrfamilienhaus, Baujahr 1961, zehn Wohnungen. Die Mieter meldeten Risse in Wänden und Decken.
„Seit wann?“, fragte er.
„Die ersten Meldungen sind älter. Jetzt sagen mehrere, dass sie größer werden.“
Martin notierte die Adresse. Sie vereinbarten Mittwoch. Nach dem Gespräch trug er den Termin ein und bat per E-Mail um die vorhandenen Bauunterlagen.
KAPITEL 2
Julia König drückte den Lichtschalter. Die Neonröhre im Treppenhaus flackerte zweimal, bevor sie anging. An der hellgrünen Wand zeigte sie ihm einen Riss, der fast senkrecht von der Decke zum Boden verlief und dabei leicht nach rechts abwich.
Martin hielt den Rissbreitenmaßstab daneben. An der breitesten Stelle zwei Millimeter, an der schmalsten anderthalb.
„Wie lange ist der da?“
„Ein Jahr. Vielleicht länger. Ich dachte zuerst, es wäre nur der Putz.“
An den Rändern lösten sich kleine Stücke. Martin sah auf den freiliegenden Untergrund und notierte, was sich erkennen ließ. Ob die Schäden tiefer reichten, konnte er hier nicht sehen.
Sie gingen nach oben. Im zweiten, dritten, vierten und fünften Stock fanden sie Risse an derselben Stelle. Martin maß und fotografierte die Anschlüsse. Der Verlauf konnte auf Setzungen hindeuten.
„Ich brauche Zugang zum Keller.“
Julia hatte keinen Schlüssel. Sie rief die Hausmeisterin an und vereinbarte, dass Petra Schmidt in einer Stunde käme.
„Bis dahin die Wohnungen“, sagte Martin.
„Es sind nicht alle da.“
„Dann fangen wir bei denen an, die öffnen.“
Im Erdgeschoss musste Julia dreimal klopfen. Frau Kaminski hörte auf einem Ohr schlecht. Hinter der Tür wurden Schritte laut, dann spannte sich eine Kette. Erst als sie Julia erkannt hatte, machte sie auf.
Sie trug eine Strickjacke und Hausschuhe. In der Hand hielt sie eine Tüte Äpfel, die sie während der Begrüßung auf ein Schränkchen stellte.
„Wegen der Risse?“, fragte sie.
Martin nickte.
„Die waren nicht immer da. Ich wohne seit 1964 hier.“ Sie führte ihn in den Flur. „Der hier war erst nur ein Strich.“
Jetzt maß er drei Millimeter. Er fragte nach Türen, die klemmten, und nach Veränderungen am Boden.
„Die Wohnungstür manchmal. Im Winter. Vielleicht das Holz.“
Der Rahmen wich leicht aus der Senkrechten. Martin hielt den Befund fest. In der Wohnung führte ein schmaler Flur zu zwei Zimmern; die Möbel waren dunkel, an der Wand hing das Foto eines jungen Mannes in Uniform. Darunter stand 1946–1998.
Am Fenster legte er eine Wasserwaage auf die Bank. Sie fiel nach links ab. Er fotografierte auch das. Aus einer schiefen Fensterbank allein ließ sich noch keine Neigung des Hauses ableiten.
Im Schlafzimmer verlief ein Riss diagonal über die Decke. Frau Kaminski wartete in der Tür, während er maß.
„Was sagen Sie?“
„Ich muss die anderen Schäden und den Keller dazunehmen.“
Sie zeigte auf das Foto im Wohnzimmer. Ihr Mann sei Bauarbeiter gewesen und habe 1961 am Haus mitgearbeitet. Später hätten sie hier ihre beiden Kinder großgezogen.
„Er sagte immer, das hält hundert Jahre.“ Sie sah zu dem Riss. „Das Haus trägt noch, oder?“
Martin steckte den Maßstab ein. Frau Kaminski begleitete sie bis zur Tür. Als sie die Kette wieder einhängte, blieb Julia einen Moment auf dem Absatz stehen und suchte in ihren Unterlagen nach der nächsten Wohnung.
Im ersten Stock öffnete Hassan Yilmaz. Hinter ihm rannten zwei Kinder durch den Flur. Im Wohnzimmer lief der Fernseher; ein kleines Mädchen saß auf dem Sofa und malte in ein Buch.
„Entschuldigung“, sagte Hassan und rief den Kindern etwas auf Türkisch zu. „Kommen Sie. Im Kinderzimmer ist der größte.“
Neben einem Bett maß Martin vier Millimeter. Hassan blieb dicht hinter ihm stehen.
„Wird das gefährlich?“
„Ich kann Ihnen das nach dieser einen Stelle nicht sagen. Seit wann verändert er sich?“
„Vor fünf Jahren, als wir einzogen, war da nichts.“ Hassan sprach leiser. „Meine Frau will schon suchen. Aber wir haben drei Kinder. Für das Geld kriegen wir woanders keine Wohnung.“
Martin bat ihn um ältere Fotos, auf denen die Wand zu sehen war. Hassan suchte auf seinem Handy, fand zunächst nur Kinderbilder und versprach, später noch einmal nachzusehen.
Im zweiten Stock wohnte Lena Weber mit ihrem fünfjährigen Sohn. Ihr Zimmer war Wohn- und Schlafzimmer zugleich, das Kinderbett stand neben ihrem Bett. Über ihm verlief ein Riss durch die Wand.
„Mein erster eigener Mietvertrag“, sagte Lena, als Martin sich im engen Raum an ihr vorbeischob. Sie zog eine Decke vom Kinderbett, damit er an die Wand kam. „Kann er hier schlafen?“
Martin maß drei Millimeter. Er hatte weder den Keller gesehen noch die Unterlagen geprüft.
„Ich kann Ihnen noch keine Freigabe geben. Frau König bekommt heute meine ersten Befunde.“
„Und ich?“
Er sah zu Julia. Sie sagte, dass sie Lena danach Bescheid geben werde. Lena blieb bei der zurückgeschlagenen Decke stehen, als die beiden gingen.
Petra Schmidt kam mit einem Schlüsselbund am Gürtel. Sie führte sie durch eine schmale Tür hinunter in den Keller. Auf den Betonstufen war es feucht. Unten roch es nach Erde und nassen Wänden.
Eine Glühbirne beleuchtete den vorderen Raum. Martin nahm die Taschenlampe. Zwischen Rohren und alten Leitungen lagen die Risse stellenweise offen. Fünf Millimeter an der ersten Wand, zehn an der nächsten. Wo der Putz fehlte, bröckelte Mauerwerk ab.
An der hinteren Wand kniete er sich hin. Ein schräger Riss öffnete sich auf mindestens drei Zentimeter. Der Lichtkegel verlor sich darin. Seine Hose wurde nass, während er Lage und Verlauf aufzeichnete.
„Ist das neu?“, fragte er.
Petra wusste es nicht genau. Sie sei selten in diesem Raum. Martin bat sie, ihn bis zur weiteren Prüfung verschlossen zu halten.
„Und das Haus?“, fragte Julia.
Er richtete sich auf. „Ich brauche die Pläne und die alten Meldungen der Mieter. Alles mit Datum. Wir müssen feststellen, was sich hier bewegt.“
Petra ging vor ihnen zur Treppe. Julia blieb, bis Martin die letzte Aufnahme gemacht hatte. Als sie nach oben gingen, fragte sie noch einmal, ob Lena ihren Sohn in dem Zimmer schlafen lassen könne. Er sagte, dass er ihr nach der Prüfung der Unterlagen mehr sagen werde, und hörte selbst, wie wenig das war.