Leseprobe · Bastian Brexner

Wegklang · Die Trilogie

Der Ungedrehte · Zugstark · Toma
Buchcover Wegklang · Die Trilogie

Drei Auszüge aus Wegklang · Die Trilogie.
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Der Ungedrehte

I · Pilot

Ein Mann. Ein Schreibtisch.

Ein Film, den er nie gedreht hat.

I

STRUKTUR

Einstieg · Kontext · das erste Sehen

1 · MÜNCHEN. INNEN. ARBEITSZIMMER. TAG.

Ein Schreibtisch aus dunklem Holz, eine Lampe mit schiefem Schirm, ein Fenster nach Westen. Am späten Nachmittag fällt goldenes Licht herein. Auf dem Tisch steht eine mechanische Schreibmaschine. Daneben ein leeres Blatt und eine Tasse mit kaltem Kaffee.

Bastian Brexner sitzt vor der Maschine. Grau im Haar, ein ausgeleierter Pullover. Seine Finger ruhen auf den Tasten.

Seit einer Stunde hat er keine Taste gedrückt.

Er holt Luft. Tippt. Ein einziger Satz.

Der Satz erscheint nicht auf dem Blatt, das leer neben der Maschine liegt. Er erscheint im Raum. Als würde der Satz gesprochen, aber es spricht niemand.

„Ein Mann tritt ins Zimmer.“

Bastian hört den Satz, wie man einen Gedanken hört, der nicht der eigene ist. Er schaut auf. Er wartet.

Nichts.

Dann, nach drei Sekunden, die so lang sind wie die, in denen man einen Schuss erwartet, der nicht fällt: Die Tür geht auf.

Ein Mann tritt ins Zimmer. Mitte fünfzig, schmal, trägt einen Wintermantel, obwohl draußen Mai ist. Er bleibt stehen. Er sieht Bastian an. Bastian sieht ihn an. Keiner sagt etwas.

NORTON

Entschuldigung. Ich glaube, ich bin hier falsch.

BASTIAN

Wer sind Sie?

NORTON

Ich weiß es nicht. Das ist das Seltsame.

Der Mann schaut sich um. Er sieht die Schreibmaschine. Er sieht das leere Blatt daneben. Er sieht seine eigenen Hände, als wären sie neu.

NORTON

Haben Sie mich gerade gedacht?

Bastian antwortet nicht. Er legt die Finger zurück auf die Tasten.

Er schreibt.

2 · DASSELBE ZIMMER. MINUTEN SPÄTER.

Als Bastian die Augen schließt und wieder öffnet, sitzt der Mann auf einem Stuhl. Eben war dort noch keiner. Bastian tippt einen Namen. Die Walze bewegt sich, doch auf dem Papier bleibt die Stelle weiß.

NORTON

Norton.

BASTIAN

Sie heißen Norton.

NORTON

Anscheinend.

Pause. Norton schaut aus dem Fenster. Der Schatten des Rahmens reicht jetzt bis an seinen Stuhl.

NORTON

Sie haben mich geschrieben.

BASTIAN

Ich glaube, ja.

NORTON

Warum jetzt?

Bastian öffnet den Mund und schließt ihn wieder.

Auf der Schreibmaschine liegt jetzt eine Seite. Bastian erinnert sich nicht, sie eingespannt zu haben. Auf der Seite steht ein Titel. Er ist durchgestrichen. Darunter steht kein Titel.

NORTON

Der Film hat mal einen Titel gehabt. Erinnern Sie sich?

BASTIAN

Nein.

NORTON

Ich sehe ihn noch vor mir. Nur den Titel nicht. Können Sie ihn lesen?

Bastian beugt sich über das Blatt mit dem durchgestrichenen Titel. Er fährt mit dem Finger unter den Buchstaben entlang und beginnt noch einmal von vorn.

NORTON

Schreiben Sie weiter.

3 · DASSELBE ZIMMER. ES IST NICHT MEHR DASSELBE ZIMMER.

Im Fenster liegt ein Hof. Bastian schaut zum Lichtfleck auf dem Schreibtisch und wieder hinaus. Diesen Hof hatte er für den ungedrehten Film vorgesehen.

An der Wand hängt ein Plakat. Bastian schaut hin. Das Plakat zeigt einen Filmtitel, den er nicht kennt. Und ein Gesicht, das er kennt: sein eigenes. Jünger. Mit einem Blick, den er nie gehabt hat.

NORTON

Sie waren das mal.

BASTIAN

Nein.

NORTON

Sie hätten das sein können.

Die Tür geht auf. Eine Frau tritt ein. Sie lässt die leeren Hände sinken und setzt sich. Unter ihr steht ein Stuhl.

ASET

Bin ich zu spät?

NORTON

Nein. Er hat dich gerade geschrieben.

ASET

Wie heiße ich?

Bastian schaut auf seine Hände, dann auf das Papier. Er hört sich sagen:

BASTIAN

Aset.

ASET

Danke.

Aset schaut ihn an. Bastian hält noch die Finger über der Maschine.

— Ende I —

II

RAUM

Verdichtung · der tragende Satz · was bleibt

4 · DAS ARBEITSZIMMER IST EIN SET.

Bastian tippt. Wenn er aufschaut, stehen die Wände weiter auseinander. Wo vorher ein Schrank war, steht eine Kamera, deren Gehäuse älter ist als er.

Norton steht am Fenster, Aset sitzt auf ihrem Stuhl. Ein Mann an der Kamera nickt Bastian zu. Bastian erwidert das Nicken, zögert dann und mustert sein Gesicht.

JAN

Sind Sie bereit?

BASTIAN

Wofür?

JAN

Für die Szene.

BASTIAN

Welche Szene?

JAN

Die, die Sie gerade schreiben.

Bastian schaut auf die Schreibmaschine. Er hat einen Satz getippt. Er liest ihn.

„Der Regisseur fragt, wofür er bereit sein soll.“

Jan hält die Kamera an. Er schaut Bastian an, wie man einen Regisseur anschaut, dem gerade aufgegangen ist, was er tut. Was nicht oft vorkommt.

JAN

Schreiben Sie weiter. Ich dreh mit.

5 · ASET. NORTON. EIN GESPRÄCH, DAS NICHT IM DREHBUCH STEHT.

Bastian nimmt die Hände von den Tasten. Aset und Norton reden weiter.

ASET

Wir sind nicht echt.

NORTON

Ich weiß.

ASET

Er könnte uns wieder auslöschen. Einen Satz, und wir sind weg.

NORTON

Ja.

ASET

Macht dir das keine Angst?

NORTON

Doch. Aber nicht so, wie du denkst.

ASET

Wie dann?

Norton schaut Bastian an. Dessen Finger liegen wieder auf den Tasten. Er drückt keine.

NORTON

Mir macht Angst, dass er uns vergisst, bevor er uns erfunden hat.

ASET

Das hat er schon getan.

6 · DER FILM SCHREIBT SICH DURCH IHN.

Bastians Hände beginnen zu tippen. Er schaut auf die Sätze, die unter der Walze hervorkommen, und versucht, die Finger stillzuhalten. Sie schreiben weiter.

Die Wände bewegen sich jetzt sichtbar. Das Arbeitszimmer wird größer. Der Hof hinter dem Fenster zeigt jetzt eine Straße. Die Straße ist aus einem anderen Jahrhundert. Menschen gehen darauf, aber sie sind nicht scharf.

Aset steht auf. Sie geht zur Tür. Sie macht sie auf. Draußen ist nicht der Hof. Draußen ist eine Landschaft, die Bastian nie gesehen hat. Ein Meer. Kein bekanntes. Das Licht auf dem Wasser ist ein Licht, das es nicht gibt.

ASET

Da gehen wir hin.

NORTON

Ja.

ASET (zu Bastian)

Kommen Sie mit?

Bastian schaut auf seine Hände. Sie haben aufgehört zu tippen. Auf dem Blatt steht ein Satz. Er liest ihn.

„Der Autor bleibt zurück.“

BASTIAN

Ich glaube, ich muss bleiben.

ASET

Schade.

Aset geht, Norton folgt. Jan filmt, bis beide durch die Tür sind. Die Kamera bleibt auf die Öffnung gerichtet.

Die Tür bleibt offen. Das Meer bleibt. Das Licht bleibt. Bastian sitzt vor der Schreibmaschine und weiß: Er könnte jetzt aufstehen. Er könnte hinterhergehen. Er könnte den Film zu Ende drehen, den er nie gedreht hat.

Er steht nicht auf.

— Ende II —

III

PULS

Der Moment · Zipp · was bewegt

7 · ER TRIFFT SICH SELBST.

Im Türrahmen bewegt sich etwas. Bastian schaut nicht hoch. Er denkt, Aset kommt zurück.

Es ist er selbst.

Derselbe Mann, dieselbe Haltung, derselbe Pullover. Der andere hält Bastians Blick, während Bastian schon auf die Maschine schaut.

Der andere Bastian bleibt in der Tür stehen. Er schaut sich um, wie man sich in einem Zimmer umschaut, in dem man lange nicht war. Dann geht er zur Schreibmaschine. Er schaut auf das Blatt. Er nickt.

DER ANDERE BASTIAN

Du hast ihn angefangen.

BASTIAN

Wen?

DER ANDERE BASTIAN

Den Film.

BASTIAN

Welcher Film?

DER ANDERE BASTIAN

Der, den du damals nicht gedreht hast.

Bastian hebt die Hand. Der andere Bastian lässt seine unten.

BASTIAN

Warum jetzt?

DER ANDERE BASTIAN

Das hab ich dich fragen wollen.

Sie schauen sich an. Draußen rauscht das Meer.

DER ANDERE BASTIAN

Ich hätte ihn gedreht. Damals. Wenn du mich gelassen hättest.

BASTIAN

Ich weiß.

DER ANDERE BASTIAN

Du hast mich vergessen.

BASTIAN

Ich weiß.

DER ANDERE BASTIAN

Und trotzdem bin ich da.

BASTIAN

Ich weiß.

Der andere Bastian geht zum Fenster. Er schaut auf das Meer. Er atmet, wie man atmet, wenn man nach langer Zeit einen Raum betritt, den man gebaut hat und nie bezogen.

DER ANDERE BASTIAN

Soll ich bleiben?

BASTIAN

Willst du?

DER ANDERE BASTIAN

Das kommt drauf an.

BASTIAN

Auf was?

DER ANDERE BASTIAN

Ob du ihn zu Ende schreibst.

8 · DIE LETZTE EINSTELLUNG.

Bastian sitzt vor der Schreibmaschine, der andere steht hinter seinem Stuhl. Jan filmt. Durch die offene Tür ist das Meer zu sehen. Von Aset und Norton keine Spur.

Bastian legt die Finger auf die Tasten und tippt einen Satz.

Nahaufnahme auf das Blatt. Die Buchstaben erscheinen, einer nach dem anderen. Der Satz wird sichtbar. Er ist kurz.

„Und dann fing er an.“

Der andere Bastian lächelt.

DER ANDERE BASTIAN

Gut.

Jan hält drauf. Bastian tippt weiter, ohne aufzuschauen. Was er schreibt, bleibt außerhalb des Bildes. Im Zimmer wird es dunkel. Niemand macht die Lampe an.

Die Kamera fährt langsam zurück. Das Zimmer wird kleiner. Die Tür mit dem Meer dahinter ist noch sichtbar. Der andere Bastian steht jetzt neben Bastian, nicht mehr hinter ihm. Sie sind zwei. Sie arbeiten.

Fade zu schwarz. Für eine halbe Sekunde erscheint der Titel:

DAS MEER, DAS ES NICHT GIBT

FORTSETZUNG FOLGT.

— Ende Pilot —

Ende dieses Auszugs

Zugstark

Kapitel 0 · Der Leuchtturm

Vor allem

Es ist ein Septemberabend.

Den ganzen Tag haben Regen, Sonne und Wind gewechselt. Jetzt, kurz vor acht, liegt das Wasser grau unter dem Himmel.

Sie steht am Leuchtturm, weil der Bus zwanzig Minuten Verspätung hat. Unter dem Vordach der Haltestelle tropft es noch.

Er steht am Leuchtturm, weil er immer hier steht, wenn er nicht weiß, wo sonst.

Sie kennen sich nicht.

Sie stehen nebeneinander und schauen aufs Wasser und sagen nichts.

Das Wasser macht sein Geräusch.

Er sagt irgendwann: Der Bus hat Verspätung.

Sie sagt: Ich weiß.

Er sagt: Zwanzig Minuten mindestens.

Sie sagt: Ich weiß.

Er sagt nichts mehr.

Sie auch nicht.

Das Wasser macht sein Geräusch.

Nach einer Weile dreht sie sich um und schaut ihn an.

Er schaut zurück.

Er hat dunkle Augen. Als sie ihn ansieht, bleibt sein Blick bei ihr.

Sie dreht sich wieder zum Wasser.

Sie heißt Lena.

Er heißt Paul.

Das erfahren sie später im Bus. Er hat sich auf den letzten freien Doppelplatz gesetzt; sie bleibt neben ihm stehen, bis er seine Tasche vom Sitz nimmt.

Der Bus fährt die Küstenstraße entlang. Rechts das Meer, dunkel jetzt, kaum noch sichtbar, nur das Geräusch, wenn man das Fenster einen Spalt öffnet. Links die Felder.

Er öffnet das Fenster einen Spalt.

Das Geräusch kommt rein.

Sie hört das. Schaut ihn an.

Er schaut geradeaus.

Er lächelt kurz, als sie sich zu ihm dreht.

Sie schaut wieder geradeaus.

Das Geräusch ist zwischen ihnen.

Viel später hat Lena einmal versucht, von diesem Abend zu erzählen. Sie kam immer wieder auf das geöffnete Fenster zurück.

Für die Ewigkeit war es nicht.

Paul

Paul lässt das Fenster offen.

Er hat gesehen, wie sie den Kopf zum Geräusch des Wassers gedreht hat. Jetzt schaut sie geradeaus. Vielleicht ist ihr kalt. Er könnte fragen, aber er möchte noch eine Weile so sitzen.

Sie steigen an verschiedenen Haltestellen aus.

Sie sagt: Tschüs.

Er sagt: Tschüs.

Als Lena aussteigt, hebt sie vom Gehweg aus die Hand. Paul sitzt noch am offenen Fenster, bis der Bus anfährt.

Lena

Drei Wochen später stehen sie wieder am Leuchtturm.

Paul ist früher gekommen als beim letzten Mal. Lena steht schon dort.

Sie stehen nebeneinander.

Das Wasser macht sein Geräusch.

Er sagt: Ich hab gewusst, dass Sie hier sind.

Sie sagt: Ich auch.

Kurze Pause.

Er sagt: Das ist vielleicht seltsam.

Sie sagt: Das ist vielleicht einfach so.

Was daraus wird, ist eine Geschichte, die nicht diese Geschichte ist.

Ein Jahr, vielleicht zwei. Ein Kind. Später werden sie sich trennen.

An jenem Septemberabend wissen sie nichts davon.

Der Bus, der Verspätung hatte, fährt die Küstenstraße entlang.

Zwei Menschen, die nebeneinander sitzen. Am offenen Fenster bewegt sich Lenas Haar.

Ende dieses Auszugs

Toma

Ich heiße Toma. Den Namen habe ich nicht von Anfang an gehabt. Wie man mich als Kind gerufen hat, weiß ich nicht mehr. Toma kam später.

Ich erzähle, woran ich mich erinnere. Bei manchen Dingen sehe ich noch eine Hand, einen Weg, die Stelle an einer Mauer. Die Gesichter dazu fehlen.

Wo ich sie nicht mehr sehe, lasse ich die Lücke.

—

Ich glaube, das Dorf lag im Süden. Später bin ich durch ähnliche Dörfer gegangen und habe nach dem Brunnen und unserem Haus gesucht. Ich habe sie nicht gefunden.

Im Sommer war das Tal trocken. Im Winter war es kalt, aber nicht so kalt wie die Höhen weiter im Norden. Es schneite manchmal. Der Schnee blieb nicht lange.

Die Straße führte zum Hafen. Der Hafen war drei Tagesmärsche entfernt. Ich bin nie hingegangen, als ich klein war. Ich habe ihn das erste Mal gesehen, als ich nicht mehr klein war.

Im Dorf gab es ein paar Häuser, ein paar Felder, einen Brunnen, eine Kirche, die am Sonntag aufmachte und sonst nicht. Es gab einen Mann mit einem Esel, der das Wasser brachte. Es gab einen anderen Mann, der mit einem Wagen Holz brachte. Beide Männer sind gestorben, bevor ich aufgehört habe, klein zu sein. An ihre Gesichter erinnere ich mich nicht. An den Esel erinnere ich mich. Er war grau und hatte eine helle Stelle an der Nase.

—

Meine Mutter hatte ein Haus an der Straße. Es war nicht ihr Haus. Wem es gehörte, weiß ich nicht. Sie hat dort gewohnt, solange ich denken kann. Niemand hat sie weggeschickt. Niemand hat Miete von ihr verlangt.

Wenn sie sich über die Schüssel beugte, sah ich graue Strähnen in ihrem Haar. Wie alt sie war, wusste ich nicht.

Sie hat wenig gesprochen. Manche ihrer Sätze sind mir erst lange später wieder eingefallen. Ich hätte sie gern danach gefragt.

Sie hat mir zu essen gegeben und Kleider hingelegt. Sie hat mich nicht geschlagen und nicht umarmt. Manchmal hat sie mich lange angesehen. Wenn ich nach Hause kam, war sie da.

Ich habe sie Mutter genannt. Einen anderen Namen habe ich für sie nie benutzt.

—

Eine Zeit lang wohnte noch jemand im Haus. Ich erinnere mich an andere Schritte und an einen Schatten, der am Fenster vorbeiging. Eine Stimme hat einmal gesungen. Wer das war, weiß ich nicht mehr.

Ich habe meine Mutter nie danach gefragt. Später habe ich versucht, mir den Sänger vorzustellen. Jedes Mal sah er anders aus.

—

Ein Tag auf einem Feld ist mir geblieben.

Ich war sechs oder sieben. Mittags saß ich im Schatten einer Mauer. Das Korn war fast reif. Durch einen Riss sah ich die Straße. Ein kleiner Hund kam vorbei und zog ein verletztes Bein nach. Er ging langsam, bis er hinter der Kurve verschwand.

Ich sah noch immer durch den Riss, als er längst fort war. Später fiel mir der Hund wieder ein, mitten auf einem Weg oder bei der Arbeit. Ich wusste dann noch, wie sein Rücken sich bei jedem Schritt gesenkt hatte.

—

Drei oder vier Jahre bin ich im Nachbardorf zur Schule gegangen. Jeden Morgen eine Stunde zu Fuß, außer sonntags. Manchmal nahm mich jemand auf einem Wagen mit.

Der Lehrer war ein alter Mann. Mit einem Stock schlug er auf den Tisch, wenn wir nicht aufpassten. Nur selten schlug er nach uns. Einmal warf er den Stock gegen die Wand, und er brach. Am nächsten Tag hatte er einen neuen.

Er brachte uns lesen, schreiben und rechnen bei. Ich kam meistens mit. Wenn er mich aufrief, musste ich oft erst suchen, an welcher Stelle wir waren.

An einem regnerischen Vormittag waren nur wenige von uns da. Der Lehrer stand am Fenster. Ohne sich umzudrehen, sagte er:

„Wer geht, sieht. Wer bleibt, weiß.“

Damals verstand ich den Satz nicht. Später kam er mir auf meinen Wegen wieder. Besonders der zweite Teil: Wer bleibt, weiß. Ich hätte den Lehrer gern gefragt, was er selbst wusste.

—

Manchmal kam eine Frau in die Schule. Sie wischte den Boden, brachte Holz für den Ofen und sprach leise mit dem Lehrer.

Einmal war ich allein auf dem Hof. Sie kam vorbei, blieb stehen und sah mich an. Ich wartete, ob ich etwas holen sollte. Sie sagte nichts und ging weiter.

Noch am Nachmittag hielt ich nach ihr Ausschau. Ich wollte wissen, ob sie wieder stehen bleiben würde.

—

Mit zwölf bestand ich die Prüfung am Ende des Schuljahres nicht. Danach ging ich nicht mehr hin.

Der Lehrer sprach mit meiner Mutter. Ich stand an der Tür und hörte ihn sagen, dass nicht jeder weitermachen müsse. Es gebe Wege, die nicht durch Bücher führten.

Meine Mutter hat genickt. Sie hat nichts gesagt. Sie hat ihm Wein angeboten. Er hat einen Schluck getrunken und ist gegangen. Ich habe mich nicht von ihm verabschiedet. Er hat nicht nach mir gefragt.

—

Danach hackte ich Holz, holte Wasser vom Brunnen und half beim Kochen. Wenn meine Mutter Brot backte, stand ich neben ihr. Sie schob mir die Schüssel hin. War der Teig zu trocken, goss sie Wasser dazu, und ich knetete weiter.

Brot backen, Holz hacken, Wasser holen: Ich konnte das inzwischen allein. Auch an Tagen, an denen meine Mutter kaum aufstand, wurden wir satt.

Abends blieb ich immer häufiger an der Tür stehen. Die Straße führte auf der einen Seite zum Hafen, auf der anderen in die Berge. Ich sah ihr nach, bis meine Mutter mich brauchte oder es dunkel wurde.

—

In einer Frühlingsnacht lag ich wach. Warmer Wind kam durch das Tal. Ich dachte an den Hafen, den ich nur aus Erzählungen kannte. Die Kleider hingen schon am Stuhl.

Vor Tagesanbruch zog ich mich an. Meine Mutter lag still in ihrem Bett. Ich nahm die Schuhe und wickelte das übrige Brot vom Vortag in ein Tuch.

An der Tür blieb ich stehen. Sie war wie immer unverschlossen. Als ich sie öffnete, hörte ich das leise Quietschen, auf das ich seit Jahren nicht mehr geachtet hatte.

Draußen sah ich in beide Richtungen. Dann nahm ich den Weg zum Hafen.

Ich bin gegangen.

Ende dieses Auszugs
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