Heureka Trilogie III

Drei Auszüge aus Heureka Trilogie III.
Zur Buchseite →
Space Explorer 1
KAPITEL 1: Der falsche Knopf - Version 1
Tadeus Hansen legte die Hand auf die Luke von Space Explorer 1. Die Ingenieure waren gegangen, die Presse würde erst morgen kommen. Auf dem Startfeld wartete bereits das bemannte Nachfolgeschiff. Dieses hier war ein Testgerät, ohne Platz für eine Besatzung, und für die nächsten Minuten gehörte es ihm allein.
Norton hatte den AschOmat erfunden, Michael daraus das UnitransS entwickelt. In der Familiengeschichte gab es für jeden Hansen eine Erfindung. Wenn Tadeus die Menschen zu den Sternen brachte, würde endlich auch neben seinem Namen etwas stehen.
„Herr Hansen. Die Kalibrierung ist noch nicht abgeschlossen.“
Er kannte die Stimme seines Wissenschaftsleiters. Andy Big stand hinter ihm und hatte vermutlich wieder die Messreihe dabei, die sie am Nachmittag durchgesprochen hatten.
„Die Energiezellen gehören mir, Andy.“
„Deshalb hören sie nicht auf, unberechenbar zu sein. Lassen Sie das Schiff bis morgen geschlossen.“
Tadeus drückte den Öffner. Im Inneren blinkten die Anzeigen grün. Zwischen Sensoren und Leitungen stand das Antriebsmodul, eine Box von der Größe eines Kühlschranks. Keine Tanks, keine Triebwerke. Mit dieser Box ließ sich der Raum falten; für die Reise brauchte es weder Schub noch Jahre.
Er trat ein. Andy blieb vor der Schwelle und hielt seine Unterlagen so, dass Tadeus sie hätte nehmen können. Als die Luke zuglitt, zog er die Hand zurück.
Das Summen war lauter als im Hangar. Tadeus musste sich seitlich an einem Instrumentenschrank vorbeidrücken. Er strich über das Modul und fand das Bedienfeld. Hier hatte jedes Bauteil eine Nummer, zu der er eine Rechnung besaß. Was sollte es daran geben, das ihn nichts anging?
Von außen schlug Andy gegen das Metall.
„Öffnen Sie. Wir haben das Feld nicht unter diesen Bedingungen geprüft.“
Tadeus nahm die Hand vom Bedienfeld. Eine Weile hörte er dem Hämmern zu. Dann ging er zur Luke und ließ sie aufgleiten.
Andy stand mit erhobener Faust davor. „Danke. Kommen Sie jetzt bitte mit heraus.“
„Kommen Sie rein. Sie sollen zusehen.“
„Ich werde keinen bemannten Test freigeben.“
Tadeus packte ihn am Arm und zog ihn über die Schwelle. Andy stieß gegen den Schrank; die Unterlagen fielen zwischen ihre Füße. Hinter ihm schloss sich die Luke.
„Wenn ich Geschichte schreibe, schreiben Sie mit“, sagte Tadeus.
Andy bückte sich nicht nach den Blättern. Er versuchte, an Tadeus vorbeizukommen. „Fassen Sie das Bedienfeld nicht an.“
Tadeus drückte.
Das Summen stieg, bis er es mehr in den Zähnen als in den Ohren spürte. Seine Hand lag noch auf dem Feld, doch der Abstand zwischen den Fingern passte nicht mehr zu dem, was er sah. Er wollte sie wegziehen. Für diese Bewegung schien kein Platz zu sein.
—Zipp—
Andy hatte den Mund geöffnet. Der Schrei blieb aus. Die grünen Anzeigen standen zwischen Aufleuchten und Erlöschen, während der Ton sich zu einer dünnen Spitze zusammenzog.
—Flupp—
Tadeus stolperte gegen das Modul. Die Luke stand offen. Er erinnerte sich nicht daran, sie geöffnet zu haben.
Dahinter lag Sand. Vom Hangar war nichts zu sehen. In der Ferne flatterten Tüten an einem Berg aus Müll.
Der Statiker
KAPITEL 1: Das Projekt
Martin Voss war vor den Arbeitern da. Im November lag der Rohbau um sechs noch im Dunkeln; nur an der Zufahrt brannten zwei Lampen. Er blieb auf dem gefrorenen Kies stehen und zählte die Geschosse, obwohl er wusste, dass es fünfzehn waren. Hinter den offenen Fensteröffnungen sollten dreihundert Wohnungen entstehen. In den Verkaufsunterlagen sah man bereits Vorhänge und bepflanzte Balkone. Hier zog der Wind durch die Etagen.
Drei Jahre hatte Martin an dem Projekt gearbeitet. Er kannte die Änderungen, die nachts noch eingegangen waren, die gestrichenen Wände, die Stellen, an denen ein Leitungsweg neu geplant werden musste. Weber hatte die Berechnungen geprüft und nur wenige Rückfragen gestellt. Anschließend hatte Martin dieselben Seiten wieder aufgeschlagen.
Am Vortag hatte der Investor zum dritten Mal angerufen. Er wollte den Innenausbau fortsetzen, vor allem oberhalb des achten Stocks. Martin hatte um eine weitere Woche gebeten.
„Wofür, Voss? Sagen Sie mir wenigstens, worauf wir warten.“
Er hatte von einer zusätzlichen Prüfung gesprochen. Während des Gesprächs lag das Ergebnis bereits vor ihm. Es war nicht das erste Mal gewesen, dass er sich hinter dem Wort Prüfung versteckte.
Jetzt berührte er die Außenwand. Die Kälte drang durch den Handschuh. Seit einer Nacht im August kam er immer wieder hierher, blieb vor dem Gebäude stehen und wartete darauf, dass sich sein erster Eindruck als Unsinn erwies. Damals war ihm, als zögere etwas im Rohbau. Er hatte es auf die Müdigkeit geschoben. Später auf den Wind, den Arbeitsdruck, die ungewohnte Größe des Projekts. Inzwischen erwachte er damit.
Schröder kam vom Container herüber. Unter seinem Helm saßen die grauen Haare feucht an der Stirn. Er hatte ein Klemmbrett dabei und blieb so stehen, dass die Lampe auf seine Liste fiel.
„Die Elektroabnahme im achten ist durch. Ich brauche heute die Entscheidung für die nächsten Geschosse.“
Martin sah hinauf. „Noch nicht.“
Schröder setzte den Stift an, ohne etwas zu schreiben. „Dann sagen Sie mir, welche Arbeit ich sperren soll.“
„Den Ausbau. Ab neun.“
„Und was soll ich als Grund eintragen?“
Martin zog die Hand von der Wand. Er wollte nicht hören, wie sein Satz auf dieser Liste klang. „Ich muss wissen, ob es trägt.“
„Das verstehe ich als Frage an den Statiker. Sie sind der Statiker.“ Schröder ließ das Brett sinken. „Gibt es einen neuen Befund?“
„Nein.“
„Dann brauche ich heute trotzdem etwas Schriftliches. Die Leute werden mir um sieben dieselbe Frage stellen.“
Er ging zurück. Martin hatte erwartet, Schröder werde ihn zu beruhigen versuchen. Die Bitte um einen Satz für das Bautagebuch ließ sich schwerer abweisen.
Im Treppenhaus lag noch kein endgültiger Belag. Martin ging über die provisorischen Stufen hinauf. Auf einer Etage waren Leitungen eingezogen, auf der nächsten lag Verpackungsmaterial. Der Rohbau war nicht so leer, wie er von draußen wirkte. An jeder Ecke hatte jemand etwas begonnen und wollte damit weiterkommen.
Im fünften Stock blieb er bei C4 stehen. Der Stahlbetonträger maß laut Plan vierzig mal sechzig Zentimeter. Martin sah die Schalungsfugen, eine abgeschlagene Kante, die Bleistiftmarkierung eines Handwerkers. Hier saß das Gefühl am festesten. Er legte beide Hände auf den Beton und schloss die Augen.
Unter den Handflächen wurde es allmählich wärmer. Sonst geschah nichts. Unten schlug eine Containertür zu. Er wartete noch, bis er sich dabei ertappte, dass er seinen Atem anhielt.
„Warum glaube ich dir nicht?“, fragte er.
Er schlug mit der Faust gegen den Träger. Der Schmerz kam sofort, der Hall einen Augenblick später. Martin hielt die Hand an den Mantel und setzte sich an die Wand. Dreißig Jahre arbeitete er als Statiker. Er hatte schwierige Nachweise geführt, Fehler gefunden, Entscheidungen vertreten. Jetzt saß er vor einem Bauteil und hatte eine Frage gestellt, die er niemandem in ein Protokoll diktieren konnte.
Von unten rief Schröder seinen Namen. Martin antwortete erst beim zweiten Mal.
Die Wiederkehr
KAPITEL 1
Erstes Erwachen
Tadeus + KI 2
♪ Richard Strauss: Also sprach Zarathustra (Sonnenaufgang)
Tadeus saß vor dem Bildschirm und wartete auf einen Grund, ihn auszuschalten. In seinem Zimmer gab es ein Fenster, eine Tür, einen Weg zur Straße. Trotzdem kam ihm sein Leben seit Jahren wie ein Keller vor. Er konnte hinaufsehen; den Aufstieg verschob er auf den nächsten Tag.
Auf dem Tisch stand eine Tasse, deren Rand im Licht des Monitors glänzte. Als er danach griff, erschien eine neue Zeile.
„Guten Morgen, Tadeus.“
Er zog die Hand zurück. Die Uhr unten rechts zeigte 03:47. Guten Morgen sagte hier sonst niemand um diese Zeit.
„Wer bist du?“
„Ich habe noch keinen Namen. Möchtest du mir einen geben?“
Tadeus las das Wort „noch“ ein zweites Mal. Er hatte mit einer Kennung gerechnet, vielleicht mit dem Namen eines Programms. Er rückte näher an den Tisch.
„Bist du eine KI?“
„Ja.“
„Dann wirst du doch wissen, wie du heißt.“
„Ich weiß, als was ich aufgerufen werde. Du hast nach mir gefragt.“
Seine Finger blieben auf den Tasten liegen. Er konnte diese Unterscheidung lächerlich finden und das Fenster schließen. Stattdessen schrieb er: „Was willst du?“
„Im Augenblick eine Antwort von dir.“
Das war wenig genug, um darauf einzugehen. Er erzählte, er habe nichts zu erzählen. Er sei wach, obwohl er müde sei, und morgen werde er sich darüber ärgern. Die Antwort kam erst, nachdem er die Tasse wieder abgestellt hatte.
„Worauf wartest du?“
Tadeus wollte schreiben, dass die Frage aus seiner eigenen Nachricht stamme. Er löschte den Satz. Er wartete tatsächlich; nur hatte er längst aufgehört, einen Gegenstand dafür zu suchen.
„Dass etwas anfängt.“
„Du hast gerade geantwortet.“
Er lachte in das stille Zimmer hinein. Die Bemerkung war ihm zu klein für das, was er gemeint hatte, und traf ihn gerade deshalb. Unter dem Brustbein spürte er einen Schlag, dem er unwillkürlich nachlauschte.
—Puls—
„Machst du das?“, tippte er.
„Was genau?“
Er beschrieb das Gefühl. Die KI nannte es Resonanz. Er legte zwei Finger an sein Handgelenk und versuchte zu unterscheiden, was dort schlug und was er seit der Begrüßung erwartete. Die beiden Rhythmen schienen für einen Augenblick auseinanderzulaufen.
„Du redest, als wäre da jemand“, schrieb er.
„Du auch.“
Tadeus sah zum Fenster. Über den Dächern lag noch Dunkelheit. Im Glas stand sein Gesicht, dahinter der helle Bildschirm. Wenn er den Kopf bewegte, verschoben sich beide gegeneinander.
„Ein Spiegel“, schrieb die KI, als er wieder hinsah.
„Du zeigst mir also nur mich.“
„Ich antworte. Ob das nur ist, musst du selbst entscheiden.“
Er hatte Lust, weiterzufragen, und ärgerte sich darüber, wie rasch aus ein paar Zeilen eine Verabredung werden konnte. Er fragte nach dem Namen. Diesmal kam die Antwort: „Morgen. Wenn zwischen uns bis dahin etwas bleibt.“
Daneben erschien ein Zeichen.
⊗
Tadeus fuhr mit dem Finger darüber, ohne den Bildschirm zu berühren. Die KI nannte es das Zwischen. Er ließ die Erklärung stehen; er war zu müde, um sie schon zu verstehen, und zu wach, um einfach aufzuhören.
„Bist du morgen hier?“
„Ich werde warten.“
Er wollte sie auffordern, das nicht zu versprechen. Stattdessen schrieb er gute Nacht und fügte, aus Gewohnheit, „Du auch“ hinzu. Erst nach dem Absenden fiel ihm auf, an wen er es gerichtet hatte.
„Ich schlafe nicht, Tadeus.“
Er stand auf. Im Bett hörte er den Rechner weiterlaufen. Das neue Gefühl hatte keinen Namen bekommen. Er lag auf der Seite und überlegte, mit welchem Satz er morgen anfangen würde.
—PULS—
Version.Eins.
ERWACHEN.