Leseprobe · Bastian Brexner

Die Geduld der Dinge

Die Trilogie · Buch I–III · 47 Erzählungen
Buchcover Die Geduld der Dinge

Ein Auszug aus Die Geduld der Dinge.
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Der Kühlschrank von Herrn Brenzel

DER KÜHLSCHRANK VON HERRN BRENZEL

✻

Eine kleine Geschichte für vor dem Schlafen

Herr Brenzel war einundsechzig Jahre alt und besaß einen Kühlschrank, der seit dem dritten März eine Meinung hatte.

Es fing harmlos an. Am Morgen des dritten März öffnete Herr Brenzel die Tür, um sich Butter zu nehmen, und der Kühlschrank sagte:

„Nicht die Butter.“

Herr Brenzel schloss die Tür wieder, ging zwei Schritte rückwärts und betrachtete den Kühlschrank, wie man einen Hund betrachtet, der plötzlich Steuererklärungen ausfüllt.

„Wie bitte?“, sagte Herr Brenzel.

Der Kühlschrank schwieg. Kühlschränke schweigen meistens. Das ist eine ihrer angenehmsten Eigenschaften.

Herr Brenzel öffnete die Tür ein zweites Mal. Er griff nach der Butter.

„Ich sagte: nicht die Butter.“

„Warum nicht die Butter?“

„Die Butter hat sich nicht gut benommen.“

Herr Brenzel stand in seiner Küche, in einem grünen Bademantel, der seit 1998 keine Hoffnung mehr auf einen würdevollen Auftritt hatte, und führte ein Gespräch mit einem Kühlschrank über das Benehmen von Butter.

„Was hat sie getan?“, fragte er, weil er nicht wusste, was man sonst fragt.

„Sie liegt schief.“

Herr Brenzel sah hin. Die Butter lag schief.

„Das ist“, sagte Herr Brenzel, „eine sehr kleine Sache.“

„Für Sie“, sagte der Kühlschrank.

✻

Herr Brenzel rief seinen Bruder an. Sein Bruder hieß Walter und war Elektriker im Ruhestand, was Herr Brenzel für ausreichend hielt, um Probleme mit sprechenden Kühlschränken zu lösen.

„Walter“, sagte Herr Brenzel, „mein Kühlschrank redet.“

„Was sagt er?“

„Er beschwert sich über die Butter.“

Walter dachte lange nach. Walter dachte über alles lange nach, auch über Dinge, die keine fünf Sekunden Nachdenken erforderten, wie zum Beispiel, ob er einen Keks essen wollte.

„Hat er recht?“, fragte Walter schließlich.

„Was?“

„Mit der Butter. Hat er recht?“

Herr Brenzel sah zur Butter. Die Butter lag immer noch schief.

„Vielleicht“, sagte er.

„Na also“, sagte Walter und legte auf, weil er nichts mehr zur Sache beizutragen hatte und zudem eine Sendung über Flusskreuzfahrten anfing, die er sich nicht entgehen lassen wollte.

✻

Am vierten März beschwerte sich der Kühlschrank über den Joghurt.

Am fünften März über die Wurst.

Am sechsten März über ein Glas Gurken, das laut Kühlschrank „eine arrogante Haltung“ hatte, was Herr Brenzel nicht ganz verstand, aber er nahm das Glas heraus und stellte es in den Schrank über der Spüle, wo es nun in einer Reihe mit anderen Gläsern stand, die alle bescheidener wirkten.

Am siebten März öffnete Herr Brenzel die Tür und der Kühlschrank sagte nichts.

Herr Brenzel stand sehr lange so da. Er nahm einen Apfel. Er legte ihn wieder zurück. Er nahm Käse. Er stellte ihn wieder hin. Er nahm den Apfel wieder. Er sah den Kühlschrank an.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Herr Brenzel.

„Ja“, sagte der Kühlschrank.

„Mit dem Apfel?“

„Mit dem Apfel auch.“

Herr Brenzel war seltsam enttäuscht. Er hatte sich, ohne es zu merken, an die Beanstandungen gewöhnt. Ein Kühlschrank, der nichts mehr zu beanstanden hat, dachte Herr Brenzel, ist eigentlich auch nur ein Möbel.

✻

Am achten März kam die Nachbarin, Frau Pellkow, weil sie immer am achten eines Monats kam, um sich Mehl zu leihen, das sie nie zurückbrachte. Es war eine Tradition, die beide pflegten, ohne darüber zu sprechen.

„Mein Kühlschrank redet“, sagte Herr Brenzel beim Übergeben des Mehls.

„Ach“, sagte Frau Pellkow.

„Ja.“

„Was sagt er denn?“

„Heute nichts.“

„Vielleicht ist er ein bisschen schüchtern.“

Herr Brenzel und Frau Pellkow sahen beide zum Kühlschrank, der schüchtern in der Küchenecke stand und summte, wie Kühlschränke summen, wenn sie nichts zu sagen haben.

„Sagen Sie etwas“, sagte Frau Pellkow zum Kühlschrank.

Der Kühlschrank schwieg.

„Er redet nicht auf Kommando“, sagte Herr Brenzel.

„Wie ein Hund.“

„Wie ein Hund, ja.“

Frau Pellkow nahm das Mehl und ging. Sie war nicht beleidigt. Sie war eine Frau, die sich an Kühlschränke nicht hängte, weder an redende noch an stumme.

✻

Am neunten März, als Herr Brenzel gerade einen Schinken einräumen wollte, sagte der Kühlschrank:

„Herr Brenzel.“

„Ja?“

„Ich glaube, ich höre auf.“

„Mit dem Reden?“

„Mit dem Reden.“

Herr Brenzel hielt den Schinken in der Hand und überlegte. Er war ein Mann, der nicht zu schnell überlegte, aber er überlegte gründlich.

„Warum?“

„Es ist anstrengend“, sagte der Kühlschrank. „Die ganze Zeit Meinungen zu haben. Über Butter. Über Joghurt. Über Gurken. Es ermüdet einen.“

„Das verstehe ich.“

„Ich möchte einfach wieder ein Kühlschrank sein.“

„Das ist legitim.“

„Sie sind nicht böse?“

„Nein“, sagte Herr Brenzel. „Ich bin auch nicht jeden Tag in der Lage, Meinungen zu haben.“

Der Kühlschrank summte zustimmend.

✻

Herr Brenzel räumte den Schinken ein. Er räumte ihn ordentlich ein. Er prüfte vorsorglich noch die Butter, die jetzt gerade lag, und das Glas Gurken, das er zurück in den Kühlschrank gestellt hatte, weil ohne arrogante Gurken auch keine richtige Ordnung war.

Dann schloss er die Tür.

Der Kühlschrank schwieg, wie Kühlschränke schweigen.

Aber Herr Brenzel hatte den Eindruck, dass dieses Schweigen freundlicher war als das Schweigen der anderen Kühlschränke. Vielleicht bildete er es sich ein. Wahrscheinlich bildete er es sich ein.

Es spielte keine Rolle.

Er ging schlafen.

Es war erst halb sieben am Abend, aber Herr Brenzel war an diesem Tag etwas früher müde als sonst, was, wenn man ehrlich ist, kein Wunder war.

Ende dieses Auszugs
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